Rainer Metzger

Das Heimelige und das Unheimliche

Zu Petra Sterrys Kunst der Verfremdung

1. St. Aigenheim

Das Wackelbild der Kamera hält die trauteste Nachmittagsidylle fest. Ein Wäldchen, ein Weg, eine Wiese im Sonnenschein, zwei Mädchen spielen, ein kleiner Hund spielt mit. Summer Tale nennt Petra Sterry ihre Filmarbeit, und auch wenn es ein Gewitter zu geben scheint, hat das Freundliche am Alltäglichen dieses Sommermärchen fest im Griff. Allerdings gibt es da, dem Medium gemäß, auch eine Tonspur, und die erzählt durchaus von dem, was auch die Bilder erzählen, wäre da nicht dieser Nebenschauplatz außerhalb, bei dem von einer Mutter die Rede ist, einem Kleiderhaken und einem Hund, der sich voller Furcht und blutender Nase in die Ecke duckt. Diese Geschichte in der Geschichte ist ausschließlich akustisch zu verfolgen, doch womöglich hat sie sich auch in die Unschärfe der verwischten Bildsequenzen eingeschlichen, und so wird urplötzlich plausibel, was der Schlusssatz des kaum achtminütigen Minidramas zu verstehen gibt: „Der Nachmittag hat seine Unschuld verloren“. Es ist diese Doppelbödigkeit, wie Summer Tale sie aufweist, die Petra Sterrys Oeuvre insgesamt dessen Unverwechselbarkeit gibt. Ihre Sommergeschichte ist keine von Eric Rohmer, sondern eine von David Lynch. Die Oberfläche ihrer Szenerien weist Druckstellen auf, und Spuren, Markierungen, Dellen haben sie verschrundet, Hinterlassenschaften jedenfalls, die die Epidermis von unten und von oben, von innen und von außen, psychisch von der Seele her und physisch von der Umgebung her versehrt haben. Nichts ist wie es ist, scheinen diese Oberflächen artikulieren zu wollen, und gerade die Evidenz hat ihre Hinter-, ihre Untergründigkeit. „St. Aigenheim“ ist ein kalter Ort, gibt die Künstlerin auf einem ihrer Gemälde zu verstehen; das Eigenheim ist heilig, doch ist bei diesem St. Aigen jederzeit mit Sanktionen zu rechnen. Minimale Verschiebungen, subtile Brechungen, ein versetzter Buchstabe im Wort oder ein verrücktes Motiv in der Abfolge der Bildgegenstände reichen, um das Heimelige mit jener Dimension anzureichern, die ihm bereits die Etymologie verschreibt, das Un-Heimelige, das Unheimliche. >>

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